Machtkonzentration auflösen
In den westlichen, demokratischen Ländern läuft vieles nicht mehr so rund wie man es sich vor zwanzig oder dreissig Jahren gedacht hatte. Damals glaubte man, eine Staatsform und Ordnungsstrukturen gefunden zu haben, die den Missbrauch und eine exzessive Entwicklung in manchen Bereichen verhindern würde. Man glaubte, dass die Trennung von Gesetzgebung und Executive, also die Gesetze ausführende, sowie durch die Institutionen, das Parlament, den Bundestag, den Bundesrat und ähnliche Strukturen, ausreichend dafür gesorgt hätte, die Konzentration der Interessen einiger Weniger zu verhindern. Schliesslich sollten demokratische und möglichst objektive Willensprozesse zu den richtigen Entscheidungen führen. Das Beste vom Volk für das Volk.
Die Strukturen sind heute in fast alle „freien“ und westlichen Ländern so. Auch wenn man meint durch eine besondere Föderation, also Aufteilung in kleine Einheiten, mit gegenseitigem Konkurrenzverhalten für möglichst hohe Freiheit, Modernität und Demokratie gesorgt zu haben. Ähnliches gilt für die Wirtschaft. Man dachte mit einem Verwaltungs- bzw. Aufsichtsrat, einem Vorstand und der führenden Managerebene bereits das Beste für das möglichst objektive Funktionieren eines Unternehmens getan zu haben.
Die Problem sind offensichtlich. Die komplexen Strukturen die in der Wirtschaft aber auch in der Politik aufgebaut wurden, verhindern eine hohe Flexibilität und schnelle Reaktion auf Entwicklungen in der Weltwirtschaft. Das Bildungssystem kann mit internationalen Entwicklungen nicht mehr Schritt halten, weil es wegen fehlender Konkurrenz vernachlässigt wurde. Durch den hohe und lang anhalten Wohlstand sind wir an Einkommen gewöhnt, die den Kostenrahmen in den Unternehmen im Vergleich zu unserer heutigen Konkurrenz bei weitem übersteigen.
Natürlich können wir in Zukunft Glück haben und die „Emergin Markets“ kaufen bei uns in solchen Mengen, dass unsere Probleme nicht offensichtlich werden. Ich glaube aber eher, dass sie dann stärker hervortreten werden. Bestimmte Gesellschaftsbereiche spüren diesen Druck bereits jetzt. In den meisten Ländern teilt sich die Gesellschaft in drei Gruppen.
Die die zum ersten, obersten Drittel gehören und meist mit hohem Einkommen, beim Tennisspielen nicht einmal merken, dass sich etwas verändert. Die die zum mittleren und zweiten Drittel gehören, denen es bereits wesentlich schlechter geht als zu den Zeiten, als sie noch als „Mittelstand“ bezeichnet wurden. Denn sie steuern immer mehr auf das letzte und unterste Drittel zu. Und das unterste Drittel. Es besteht aus den Leuten, die anscheinend auf dieser Erde nichts mehr zu suchen haben. Das sind Menschen über vierzig, die im Beruf nicht mehr erwünscht sind und darum betteln müssen eine unterste Arbeit ausführen zu dürfen, damit sie überhaupt etwas tun können. Das sind auch die Menschen die gerade in das Berufsleben einsteigen wollen und dann als Parktikant ohne Bezahlung ihre ersten Versuche unternehmen dürfen. Das sind die, die keine hochqualifiziert Ausbildung genossen haben, weil zu der Zeit, als sie in der Ausbildung waren, kein Mensch an die mögliche Entwicklung gedacht hat, die wir heute vorfinden. Es sind die, die nichts oder nur wenig von ihren Eltern geerbt haben. Keinen Bauernhof, auf dem sie vielleicht auch ungelernt ihr Leben fristen könnten. Es sind die „Looser“ - die Verlierer, die dann mit Harz IV, ALG 1 etc. und wie die Unterstützungsprogramme alle heissen, ruhig gehalten werden. Nicht genung zum leben und zu viel zum sterben, so sagt man.
Ich habe lange darüber nachgedacht, warum das so ist und warum sich eine gut funktionierende Gesellschaft und Wirtschaft so stark selber zerstören kann. Die Strukturen sind unbeabsichtigt aber vollendet auf einen Untergang ausgerichtet. Wie kann es in mehreren durch und durch demokratischen Ländern, mit guter Struktur passieren, dass es fast der Hälfte der Bevölkerung schlecht geht. Das selbst die Menschen im oberen Drittel der Gesellschaft Angst bekommen ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Das die Menschen aus der ehemaligen Mittelschicht in das untere Drittel abrutschen? Das sich Menschen als Person und Mensch nicht mehr Willkommen fühlen in einer Gesellschaft?
Nun ist es mir klar geworden. Es liegt einzig und allein an der allgegenwärtigen Machtkonzentration. Im Kleinen wie im Grossen. Denken Sie darüber nach, überlegen Sie wie es in Ihrem Umfeld ist. Denken Sie über das Wort Machtkonzentration und seine Bedeutung nach.
Jeder weiss es, jedem ist es schon einmal begegnet oder es begegnet ihm jeden Tag. Der Bürgermeister der gleichzeitig das grösste Unternehmen am Ort besitzt und zusätzlich der beste Freund des grössten Bauern in der Gegend ist. Der das meiste Land besitzt und die meisten Kühe. Dessen Tochter den Sohn vom grössten Unternehmer im Nachbardorf geheiratet hat. Der gleichzeitig in allen Vereinen und Verbänden den Vorsitz inne hat. Machtkonzentration. Natürlich, höre ich jetzt schon einige sagen, dass war ja schon immer so. Das hat ja auch sein Gutes. Ja sicher hatte auch sein Gutes. Zu den Zeiten als man sich noch gegen das Nachbardorf wehren musste oder die Landesregierung oder die Interessen von Grosskonzernen. Nein, ich sage es hatte nie etwas Gutes Machtkonzentration zu erlauben. Denn die richtet sich auch immer nach Innen, gegen die Leute die damit Leben müssen.
Heute hat sich dieses System weltweit ausgebreitet. Vom Bürgermeister zum Vorstandsvorsitzenden. Vom Vorstandsvorsitzenden zum Aufsichtsrat. Vom Politiker zum Vorstandsvorsitzenden. Vom Politiker zum Aufsichtsrat. Ich könnte diesen Zusammenhang hier nun beliebig fortsetzen. Sie selber könnten die Subjektive einsetzen, denn Sie kennen sie genau so wie ich.
Zu dieser Art von „Seilschaft“, so kann man die Cliquenwirtschaft oder Bünzliwirtschaft sicher auch nennen, sind noch ganz andere Arten der Verknüpfungen hinzu gekommen. Wenn Du in meinem Aufsichtsrat sitzen willst dann möchte ich aber bei Dir einen Vorstandsposten. Wenn ich der nächste IHK – Präsident werden, kannst Du der Vorstand des Automobilclubs werden. So läuft das heute. Politiker die Unternehmen etwas gutes tun, bekommen immer einen guten Aufsichtsratsposten und umgekehrt.
Das, was unsere demokratischen Systeme verhindern sollten, in der Politik Seilschaften zu erzeugen – Gesetzgebung und Ausführung zu trennen, die haben wir uns auf allen anderen Ebenen der Gesellschaft bis zur Perfektion geschaffen. Margarita Mathiopoulos hat es „Die geschlossen Gesellschaft und ihre Freunde“ genannt und in ihrem 1997 erschienenen Buch gewarnt. Nun wird dieses Thema immer brennender für die Entwicklung unserer Länder.
Wie viele Vorstände kennen wir, die zugleich in anderen Unternehmen in Aufsichtsräten sitzen? Welcher Politiker hat keine Funktion in einem Unternehmen, Verband, Verein oder Kirche? Ich bin mir sicher, würde man diese Dinge detailliert untersuchen, es wäre nur zehn Prozent der Bevölkerung die über alles und jedes entscheiden.
Allen anderen ist klar. Ich muss da mitmachen ob ich will oder nicht. Und das führt zu allen Missständen unserer heutigen Zeit. Weil Entscheidungen nicht der besseren Lösung willen getroffen werden, sondern wegen dem Vorteil des jeweiligen Machtinhabers und seiner Partner. Der Clique der Machtkonzentration.
Fortsetzung folgt
