Der Tag des Indianers

von Gordian Hense (copyright)

Das Wasser glitzerte in der Morgensonne. Der See lag ruhig da, nur der leichte Wind blies ein paar kleine Wellen auf dem Wasser vor sich her. Das Schilf auf der anderen Seite des Ufers rauschte im Wind und die Bäume von dem dahinter liegenden Wald bogen sich sanft. Es war ein friedlicher Morgen und die letzten Tage ware ebenso verlaufen.

Er hockte am Ufer und formte beide Hände zu einer Mulde, tauchte sie in das Wasser, hob sie wieder und trank daraus. Das Wasser war frisch und schmeckte etwas nach dem Laub das auf dem Grund am Ufer lag. Dann tauchte er die Hände noch einmal ein und wusch sich mit dem Wasser. Es war erfrischend und weckte ihn immer mehr auf. Er zog sich weiter aus, bis er nackt war und ging langsam in den See hinein. Der Boden verlief flach und nur langsam kam er in tieferes Wasser. Als er nur noch bis zur Hüfte aus dem Wasser schaute, nahm er die Wurzel die er mitgebracht hatte und begann sich damit abzureiben. Er hatte die Schale der Wurzel am Ufer mit dem Messer abgezogen, so das der Saft an die Oberfläche kam. Dieser Saft zusammen mit der fasrigen Oberfläche benutzte er zum waschen. Er wusch damit den Dreck und Schweiß der letzten Tage ab. Seine Frau und Kinder hatten ihn schon nicht mehr riechen können.

Sie hatten gejagt und für die nächsten Wochen genug Fleisch beschafft. Die Frauen hatten zusammen mit den Kindern Früchte, Nüsse, Wurzeln und Knollen gesammelt. Danach hatten alle zusammen die erlegten Tiere – Rehe, Kaninchen und Wildschweine – gehäutet und zerlegt. Das was man nicht haltbar machen konnte wurde gleich am offenen Feuer gebraten und gegessen. Der Rest wurde in Salz eingelegt oder in Blätter eingewickelt, die das Fleisch haltbar machten. Den Trick mit dem Salz hatten Sie von den Weissen gelernt, die zunehmend in ihr Gebiet einsickerten und ihnen alles mögliche versuchten zu verkaufen. Das Salz nahmen sie gerne, da sie es selber nie in solchen Mengen beschaffen konnten, aber an den anderen Dingen, die die Weissen ihnen anboten, waren sie nicht interessiert. Sie waren oft vollkommen überflüssig und nur zum Vergnügen da. Gegen das Salz tauschten sie Felle, auf die die Weissen gierig waren. So hatten sie jetzt auch wieder Felle von den erlegten Tieren gesammelt. Die besseren hatten sie für sich zur Seite gelegt um daraus Schuhe oder Kleidung zu machen. Die anderen waren immer noch gut genug sie den Weissen zu verkaufen. Diese primitiven Weissen konnten ein gutes Fell nicht von einem schlechten unterscheiden. Aber das war ihm egal. Was ihm Angst machte war, dass immer mehr Weisse aus dem Osten zu ihnen kamen. Sie hatten keinen Respekt vor der Natur und erst recht nicht vor anderen Menschen, besonders ihnen den Indianern. Und, es waren einfach viel zu viele.

Es kamen immer mehr seines Stammes an den See um sich zu waschen oder zu baden. Die Frauen mit den Kindern etwas abseits, die Kämpfer und Führer des Stammes in seiner Nähe. Die nackten Körper waren schön anzusehen, in der Morgensonne, nass und von der Sonne braun gebrannt. Sie waren stolz auf ihren Stamm. Sie hatten fast nur schöne Frauen und junge, kräftige Kämpfer. Das Verhältnis zwischen Alt und Jung war genaus so wie es sein sollte. Zwei Drittel Junge sorgten für ein Drittel Alte, die nicht mehr jagen oder kämpfen konnten. Ausserdem hatten sich bei ihnen noch keine Krankheiten eingeschlichen oder bemerkbar gemacht, wie das bei anderen Stämmen schon manchmal vorkam.

Sein Name war Ina‘li, was soviel wie „Schwarzer Fuchs“ im alten Cherokee – Dialekt bedeutete. Sie befanden sich an einem See der heute im US Staat North Carolina liegt. Das Gebiet heisst heute „Black Bear Cove“ bei der kleinen Stadt Marion, zwischen Asheville und Hickory.

Der See war ein kleiner See der heute zu dem aufgestauten „Lake James“ gehört. Damals war er natürlich nicht aufgestaut und nahm nur einen kleinen Teil des heutigen Sees ein. Es war ein flacher See der in einer Senke durch Regenwasser und Wasser aus dem angrenzenden Gebirgen den Appalachen über Bäche zusammen kam. Das Ufer war mit Schilf bewachsen und es ging von den angrenzenden Wiesen flach in das Wasser über. Weiter untern floss das Wasser des Sees in einen kleinen Bach.

Sie hatten ihre Tipis und das Dorf oberhalb des Sees, in Richtung der Appalachen aufgebaut. Die meisten Zelte direkt an den dahinter liegenden Wald und die Öffnung des Dorfes in Richtung des Sees und der davor liegenden Wiese. Das hatte mehrere Vorteile. Durch den dichten Wald im Rücken waren sie durch unerwartete Besuche gut geschützt. Er war so dicht, dass es schwer war von dort unbemerkt an das Dorf heran zu kommen. Auch grössere Tiere wagten es nicht von dort in das Dorf einzudringen. Zusätzlich benötigte jeder im Dorf auch mal eine Gelegenheit sich der Dinge zu entledigen, bei der man nicht gerne beobachtet wird. Das geschah weiter hinten im Wald. Der dichte Wald bot dafür viele Möglichkeiten und man konnte es so anstellen, dass es nicht bis in das Dorf roch. Die näheren Bäume wurde zum Aufhängen diverse Gegenstände benutzt, die man nicht im Zelt aufhängen konnte oder wollte. Die Mitte des Dorfes öffnete sich zu der Wiese an dem See. Es war ideal gelegen. Hinter ihnen der Wald, vor ihnen der See und offene Zugänge waren nur an den Ufern des Sees oben und unten. Diese konnte man leicht aus dem Augenwinkel kontrollieren.

Links neben ihm sah er seine Frau – Iskagua, was so viel heisst wie „klarer Himmel“. Sie hatten ihr den Namen gegeben, weil sie blaue Augen hatte, was unter den Indianern sehr ungewöhnlich war. Ihre Mutter meinte, es sieht so aus als würde sich der klare Himmel darin spiegeln. Deshalb gaben sie ihr den Namen. Er gefiel ihm und auch die Frau die den Namen trug. Sie war bildhübsch mit ihren langen braunen Haaren, den blauen Augen und der noch guten Figur. Sie hatte ihm immerhin schon fünf Kinder geschenkt und trotzdem konnte sie es immer noch von den Formen mit den anderen jungen Mädchen im Dorf aufnehmen. Leider waren von den fünf Kindern in den vergangenen Jahren drei gestorben, nicht ungewöhnlich bei dem rauen Leben das sie führten. Jetzt in der Morgensonne wusch sie sich etwas abseits aber in seiner Nähe, nackt im Wasser des Sees. Es war gut anzusehen und er freute sich auf den Abend wenn er wieder mit ihr im Tipi sein konnte. Er warf ihr einen liebevollen Blick zu und sie freute sich darüber, das konnte man sehen.

Ihre beiden Kinder waren Witokape (die Erstgeborene) und Caske (der Erstgeborene). Sie waren jetzt schon sechs und vier Jahre alt. Später, wenn sie älter wären, würden sie vielleicht andere Namen bekommen, abhängig von ihrer Art oder einem Ereignis das auf sie zutraf. Aber jetzt wurden sie so genannt. Sie wuschen sich dicht bei ihrer Mutter im niedrigeren Wasser. Witokape würde einmal genau so hübsch wie ihre Mutter werden, sie hatte auch blaue Augen und die gute, kräftige aber schöne Figur. Caske kam mehr nach ihm und war das zweite Kind. Er war Gott sei Dank ein kräftiger Kerl und hatte ihm die Ehre gemacht am Leben zu bleiben. Er ist, bis jetzt, sein einziger männlicher Nachkomme, was in ihrem Stamm wichtig ist. Die anderen drei Kinder, ein Mädchen und zwei Jungen, die seine Frau von ihm bekam, waren alle entweder in dem folgenden Winter wegen Kälte oder Hunger oder durch einen Unfall gestorben. Es war bei ihnen nicht ungewöhnlich, das viele Kinder starben. Sein bester Freund „ Adahy“ (Lebt im Wald) hatte mit seiner Frau „Adsila“ (Blüte) noch kein Kind über den ersten Winter gebracht. Sie hatten schon sechs Kinder verloren. Er fühlte Trauer mit ihnen, aber es war der Weg der Natur. Der kräftigere, stärkere oder geschicktere überlebte und die anderen starben. Selbst wenn sie gewollt hätten, hätten sie solchen Kindern nicht helfen können. Sie hatten es auch alle akzeptiert. Die Natur war so und es hatte auch seine guten Seiten. Hätten sie mehr schwächere in ihrem Stamm, müssten die anderen zunehmend darunter leiden und der ganze Stamm käme dadurch vielleicht in Schwierigkeiten. So wie es bei den befreundeten Cheyenne auf der anderen Seite der Appalachen war. Die konnten nicht mal mehr zwischen ihren Jagdgründen hin und her ziehen, weil sie so viele Alte und Schwache haben. Dadurch hatten sie weniger Fleisch und selbst die stärksten Jäger waren nach einer kurzen Zeit so entkräftet, dass sie sich ein ganzes Jahr an einem Ort erholen mussten. Ina‘li glaubte, sie alle werden den nächsten Winter nicht überleben.

Er hatte, bevor er zum See ging, das Feuer vor dem Zelt neu entfacht und dicke Holzscheite darauf gelegt. Wenn er zurück kam, würde das Feuer schön brennen und die Glut wäre genau richtig um die Knollen und das Kanninchenfleisch kurz anzubraten um sie als Frühstück zu essen. Er rief seiner Frau zu „Iskagua, bringst Du auf dem Rückweg zum Zelt das Fell des Hirschen mit, dass ich erlegt habe?“ Und sie nickte. Er wollte es nach dem Frühstück bearbeiten und Schuhe für Ihn und seine Familie für den Winter daraus machen. Die Bearbeitung des Fells war Arbeit der Frauen, aber daraus später Schuhe zu machen, war genauso seine Arbeit wie die seiner Frau. Sie mochte es nicht und deshalb machte er es. Es sollten gute, warme Schuhe werden. Das war wichtig. Im letzten Winter hatten alle ihre Schuhe nicht richtig gehalten und beinahe wären sie deswegen krank geworden. Diesen Winter sollte das anders sein.

Und dann kamen sie. Vom Weiten hörte man die Hufe der vielen Pferde. Hufe mit Metallbeschlag. Keine Indianerpferde. Es kamen die Weissen. Mit Gewehren. Mit Pistolen. Mit bösen Gedanken. Der Himmel wurde rot und er wusste nicht warum sie so bestraft werden sollten …

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