Der Unfall

von Gordian Hense (copyright)

Er fuhr mit seinem Motorrad auf der Autobahn in Richtung Heimat. Es war ein wunderschöner Tag gewesen. Er war am morgen relative früh gestartet und war in Richtung Jura gefahren. Früh war für ihn, an einem freien Tag, so neun Uhr gewesen. Es war Mai und das Wetter war entsprechend der Jahreszeit wunderschön, warm und mild, es wehte ein schwacher Wind und überall blühten die Pflanzen. Der Himmel war blau und mit kleineren, weißen Wolken besetzt. Alles in allem also ein Bilderbuchtag um in der Natur unterwegs zu sein und die frische Luft zu genießen.

Von Zürich aus war er erst auf der Autobahn Richtung Solothurn gefahren, dann aber Richtung Moutier durch das Balsthal auf der Landstrasse weiter, danach nach Delémont und Porrentruy. Ab dort fuhr er auf vielen kleinen und kurvigen Landstrassen immer weiter Richtung Südwesten, über kleine Dörfer und durch grüne Wälder, an frischen Seen vorbei, durch ein Meer an Wiesen auf denen das Grass ungeschnitten war und der Löwenzahn über die Grasshalme hervorstach. Er glitt durch die Natur wie auf einem fliegenden Teppich, hatte das Gefühl zu fliegen oder zumindest zu gleiten und er war eins mit der Umgebung, den Bäumen und den Tieren.

Er beherrschte sein Motorrad fast perfekt. Seit er zum ersten mal auf einem, man muss schon sagen, motorisiertem Zweirad, saß hat er viele Jahre Erfahrung sammeln können. Damals, mit ca. 14 Jahren, hatte er sich aus verschiedenen Teilen von einem nahe gelegenen Schrottplatz ein Moped zusammen gebaut. Das war zwar, nach langem basteln, fahrtüchtig gewesen, entsprach aber keinesfalls den Vorschriften, war nicht zugelassen oder versichert und er hatte nicht den entsprechenden Führerschein, geschweige denn das erlaubte Alter. Viele technische Details funktionierten nur fragwürdig und es war eher eine Art Roulette damit zu fahren und keinen Unfall zu bauen. Trotzdem schaffte er es damit tagelang über Waldwege und schmale Strassen in abgelegenen Waldstücken umher zu fahren, ohne von der Polizei oder anderen Ordnungshütern erwischt zu werden. Dort lernte er auch die ersten Tricks, rechtzeitig Gefahren auszuweichen, richtig zu reagieren und das Gefühl für die Balance zu entwickeln, welches man braucht um später auf größeren Maschinen eventuellen Risiken richtig zu begegnen.
Natürlich machte er später seinen Führerschein, auch für Motorräder und hatte, wann immer er es sich leisten konnte, neben dem Auto ein Motorrad. Während seiner Berufsausbildung und Armeezeit fuhr er lieber Motorrad anstatt ein Auto. Beides konnte er sich zu der Zeit nicht leisten. Damit war er aber auch immer den Wetterbedingungen ausgesetzt, Kälte, Regen, manchmal sogar Schnee. Meistens aber Sonne und warme Luft.

Nun war er mindesten fünfundzwanzig Jahre älter und hatte die unterschiedlichsten Motorräder gefahren, war mit den wildesten Gruppen umher gezogen, kannte die meisten guten Routen für Motorradfahrer in den Alpen und brauchte an das richtige Verhalten auf und mit dem Motorrad nicht mehr denken – dachte er.

In der Nähe von Pontarlier hatte er eine Mittagspause gemacht und in einem kleinen Bistro ein kleines Mittagessen gegessen. Er liebte die französische Küche und die lockere Art mit der die Franzosen zu leben wussten. Danach fuhr er bei Le Creux wieder über die Grenze in die Schweiz, und dann weiter nach Yverdon – les Bains. Da er heute etwas früher wieder zu Hause sein wollte, hatte er eine kürzere Strecke gewählt und fuhr auf der südlichen Seite des Neuenburgersee entlang, dann am Bieler See bis nach Biel, alles auf der Landstrasse. In Biel fuhr er auf die Autobahn und wollte über Solothurn nach Zürich recht zügig zurück.

Die Autobahn war recht voll und er wunderte sich darüber, denn es war noch früher Nachmittag und alle Ausflügler fuhren meistens später wieder nach Hause. Aber gut, was man nicht ändern kann, kann man nicht ändern. Er fügte sich also in den monotonen Verkehrsfluss ein. Die Autos glitten mit der vorgeschriebenen Geschwindigkeit von 120 Kilometer pro Stunde dahin und er fuhr meist auf der rechten Spur von Autos eingerahmt. Wer Motorrad fährt weiß wie langweilig es einem vorkommt, auf der Autobahn mit gleich bleibender Geschwindigkeit zu fahren. Es wird schnell monoton und langweilig, ist man doch sonst gewöhnt zu bremsen und nach der Kurve wieder Gas zu geben, Schlaglöcher auszuweichen oder auf Spurrillen zu achten oder rutschige Stellen zu meiden. Man muss immer auf der Hut sein und die Gefahr wittern und rechtzeitig darauf reagieren. Nicht so auf der Autobahn, – dachte er. Hier konnte er seinen Gedanken nachgehen, vor sich hin träumen an eine Freundin denken oder wie es in seinem Leben weiter gehen sollte.

Vom weiten sah er schon das Problem. Zähfließender Verkehr. Die Autos stauten sich, fuhren langsamer, rollten nur noch im Schritttempo dahin. Oh Gott und sie waren noch so viele Kilometer von Zürich entfernt. Wie langweilig, erst recht für einen Motorradfahrer. Zu erst dachte er, na ja das wird sich wieder auflösen, also schön ruhig bleiben und mit dem Fluss der Autos dahin gleiten. Der zähe Verkehr aber wurde immer schlimmer, die Autos kamen zum stehen, fuhren wieder an, bremsten wieder, das war nervig. Die Sonne prallte auf seinen Helm und es wurde immer heißer darunter. Nun kamen auch andere Motorräder von hinten, die entweder auf dem Standstreifen oder zwischen den Autos hindurch fuhren. Er wusste, das ist nicht erlaubt und außerdem recht gefährlich. Denn aus der Reihe der Autos konnte immer mal ein Auto nach rechts oder links wechseln, die Tür öffnen oder sonstige Aktionen machen. Die konnten für einen Motorradfahrer schnell zur Falle werden und zu bösen Unfällen führen. Die Autos gleiten zwar nur mit langsamer Fahrt dahin, aber schon diese Geschwindigkeit reicht aus um böse Verletzungen ab zu bekommen. Also fuhr er brav weiter hinter den Autos her.

Der Verkehr wurde immer schlimmer und die Autos standen fast nur noch. Ihm wurde unter seinem Helm und seiner dicken Jacke immer wärmer und es wurde unerträglich. Der warme Wind war trocken und blies ihm Staub unter dem Visier in die Augen. Er wollte wieder zurück auf die einsamen Landstrassen mit dem frischen Wind und den saftigen Weiden. Aber er hing hier fest, hinter stinkenden Autos, die nur Zentimeter vorwärts kamen. Kinder in einem der Vans vor ihm streckten ihm die Zunge raus. Er dachte sich nun, wozu fahre ich eigentlich Motorrad, ich bin schmaler als ein Auto, ich kann doch auch zwischen Ihnen hindurch fahren. Ach egal, Vorschriften hin oder her, die anderen machen es ja auch, also gab er Gas und fuhr zwischen den Autos in der Mitte hindurch.

Es ging ganz prima. Viele der Autofahrer schauten in den Rückspiegel und sahen ihn schon vom weiten. Als Motorradfahrer fährt man ja auch immer mit Licht. Sie fuhren dann entweder nach links oder rechts um ihm etwas auszuweichen. Und um ihm eine Gasse zu bilden, durch die er hindurch fahren konnte. Es gab natürlich auch welche die mit Absicht die Lücke in der Mitte schmaler machten um ihm die Durchfahrt zu erschweren, oder die die vollkommen unaufmerksam waren und ihn gar nicht bemerkten und erst nach ein paar Minuten erschrocken und plötzlich auswichen. Dennoch kam er ganz gut vorwärts und die Autos fuhren nun auch wieder etwas schneller, so dass er seine Geschwindigkeit auch erhöhen konnte. Obwohl es jetzt wieder etwas flüssiger vorwärts ging, wollte er nicht darauf verzichten in der Mitte schneller durch zu fahren.

Da war er nun, der Moment auf den er sein Leben lang – nicht gewartet, aber auf den er immer hingebangt hatte. Mit einem mal. Während er in der Mitte zwischen den Autos durchfuhr wurden diese mal wieder langsamer, er nahm dieses mal kein Gas weg, die Autos bremsten und kamen zum stehen. Er fuhr noch so fünfzig, sechzig Sachen. Rechts stand ein blauer japanischer, Mittelklassewagen. Am Steuer der Vater einer Familie. Er wurde wohl von einer Wespe oder Biene belästigt und fuchtelte mit den Händen umher. Versuchte das Fenster auf zu machen um die Wespe aus dem Fenster zu jagen, was ihm misslang. Also riss er die Tür auf. Er riss die Tür auf !! Um Gottes Willen, er riss fünf Meter vor ihm die Tür auf. Nach links. Und er hatte noch fünfzig, sechzig Sachen drauf. Nach links konnte er nicht ausweichen, da war ein alter, brauner Kombi. Bremsen konnte er zwar, aber, was brachte das. Er trat natürlich instinktiv auf die Bremse, das Hinterrad blockierte und rutschte über den Asphalt. Er nahm noch die Vorderradbremse hinzu, dort konnte er aber nicht so stark zudrücken, sonst hätte das Vorderrad blockiert und er wäre gleich mit dem Motorrad gestürzt, denn es wäre nach links oder rechts weggerutscht. Also versuchte er sich ganz nah an den braunen Kombi nach links zu drücken um an der geöffneten Tür vorbei zu kommen. Er berührte ihn links schon mit seinem Knie und Oberschenkel. Er dachte gerade daran, ob er wohl an der Türklinke oder dem Spiegel des braunen Kombis hängen bleiben würde, als es rechts einen Aufschlag gab. Er war mit dem Knie an der Tür des blauen Japaners hängen geblieben. Das Bein wurde nach hinten gedrückt, er glaubte seine Hüfte zu verlieren, da das Bein so stark nach hinten gedrückt wurde. Jetzt lief alles wie in Zeitlupe ab.

Sein Puls schoss in die Höhe. Kennen Sie das, wenn ihnen schon einmal ein Unfall passiert ist. Sie sehen genau was passiert, glauben es aber in Zeitlupe zu sehen, als wären Sie unbeteiligt, ein Außenstehender. Sie sehen was passiert wie von einer anderen Position. Die Dinge laufen ab wie in einem Film. Es ist nicht wirklich. Sie spüren ja auch keine Schmerzen, zumindest bis der Schock vorbei ist. Wenn man dann noch lebt.

Durch den Aufschlag seines Knies am Rahmen der Tür wurde sein Körper rechts herumgerissen und nach oben geschleudert. Links wurde er gegen den braunen Kombi gedrückt und tatsächlich streifte er dessen Außenspiegel. Zum Glück riss der gleich ab und flog im hohen Bogen durch die Luft. Trotzdem hinterließ er eine böse Wunde am linken Arm. Er konnte sehen wie die Jacke an der Stelle zerfetzt war und gleich eine Wunde klaffte an der der Spiegel ihn berührt hat. Nun blieb sein Motorrad mit der rechten Fußraste an der Tür des blauen Japaners hängen. Der Aufprall verursachte einen Ruck der durch den Wagen und das Motorrad ging und den Wagen nach rechts drückte. Entsetzt sah nun der Familienvater nach links und erkannte erst jetzt was passiert war. Einen Augenblick lang sahen sie sich in die Augen und beide wussten was passierte und wie schlimm es werden könnte. Er dachte noch, wo ist mein rechtes Bein, wenn da schon das Motorrad am Auto hängen bleibt? Dann muss es viel weiter hinten sein. Es hatte ihn ja auch etwas gedreht, so das er sich jetzt sozusagen im Flug über seinem Motorrad mit der rechten Seite nach oben befand. Das Motorrad drehte sich immer stärker nach rechts weil es ja da mit der Fußraste hängen blieb. Dadurch wurde er auch nach rechts gedreht, nun flog er also sich drehend mit der linken Seite und dem Kopf nach vorne. Er sah zurück und sah sein rechtes Bein ungewöhnlich labil an seiner Hüfte hängen und durch die Luft wirbeln. Jetzt merkte er, dass er bereits sein Motorrad verlassen hatte und über es hinweg flog. Es drehte sich unter ihm nach rechts und kippte nach links um. Alles immer noch bei einer Geschwindigkeit von ca. fünfzig Sachen. Er blieb mit dem linken Bein am Lenker hängen. Es machte einen Ruck und einen lauten Knacks. Es war am Oberschenkel vermutlich gebrochen. Dadurch war es labil genug ihm zu folgen. Es wurde einfach durch seine Masse mitgerissen. Nun hatte er das Motorrad verlassen und befand sich im freien Flug nach vorne. Er spürte keinerlei Schmerzen.

Durch den Aufprall mit dem rechten Knie an der Tür des Wagens war er in eine Rechtsdrehung gebracht worden. Nun flog er also sich drehend an den beiden Wagen, dem alten, braunen Kombi und dem blauen Japaner vorbei in Richtung der davor fahrenden oder besser, jetzt stehenden Wagen. Rechts stand ein größerer, schwarzer Geländewagen und links ein VW Golf. Das Motorrad rutschte hinter ihm auf der linken Seit her und verkeilte sich unter dem Heck des Geländewagens und wurde weiter herumgerissen. Dabei machte es durch das Schleifen auf dem Asphalt unglaubliche kreischende Geräusche. Er war jetzt bereits soweit in der Luft gedreht, dass er fast mit dem Rücken und dem Hinterkopf nach vorne flog. Nach einigen Metern schlug er mit dem Rücken und dem Kopf auf dem Asphalt auf. Zum Glück hatte er ja seinen Helm auf, der ihn vor härteren Verletzungen schützte. Er rutschte weiter. Im Flug hatte er den Geländewagen leicht gestreift und wurde durch den leichten Aufprall nach links geschleudert. Jetzt rutschte er also, immer noch wahrscheinlich mit ca. vierzig Kilometer pro Stunde, auf den VW Golf zu der links stand. Er spürte wie er mit dem Kopf am Hinterrad des Wagens aufschlug. Durch die Wucht des Aufschlags wurde sein Kopf nach oben gedrückt. Sein Körper drückte nach und er dachte wie lange er die Biegung des Halses wohl noch aushalten könnte. Dann machte es einen Knack und augenblicklich war es still und dunkel um ihn.

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